Mittwoch, August 16, 2017

Meine Meinung zu "Sieh mich an" von Mareike Krügel

  • € 20,00 [D], € 20,60 [A]
  • Erschienen am 01.08.2017
  • 256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
  • ISBN: 978-3-492-05855-1












Klappentext: Der erste Tag vom Ende des Lebens - emotional, klug, zum Heulen komisch
Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind. Das denkt Katharina, seit sie vor Kurzem das Etwas in ihrer Brust entdeckt hat. Niemand weiß davon, und das ist auch gut so. Denn an diesem Wochenende soll ein letztes Mal alles wie immer sein. Und so entrollt sich das Chaos eines ganz normalen Freitags vor ihr. Während sie aber einen abgetrennten Daumen versorgt, ihren brennenden Trockner löscht und sich auf den emotional nicht unbedenklichen Besuch eines Studienfreundes vorbereitet, beginnt ihr Vorsatz zu bröckeln, und sie stellt sich große Fragen: Ist alles so geworden, wie sie wollte? Ihre Musik, ihre Kinder, die Ehe mit dem in letzter Zeit viel zu abwesenden Costas? Als der Tag fast zu Ende ist, beschließt sie, endlich ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen, den sie liebt. – Die Heldin in Mareike Krügels rasantem, klugem Roman gehört ganz sicher zu den einnehmendsten Frauengestalten in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Meine Meinung

>>Am Ende läufts auf eins hinaus, ob du erstickst oder verhungerst, einmal muss es doch gestorben sein.<< (J.K.A. Musäus, Volksmärchen der Deutschen)

Als erstes möchte ich mal erwähnen, dass dieses Buch ganz anders ist, als ich erwartet habe. Wie im Klappentext erwähnt, möchte Katharina noch einmal ein sorgloses Wochenende haben. Das Etwas in ihrer Brust soll in diesem Zeitraum keine Beachtung finden. Nun möchte man meinen, dass eine Buch, welches von "einem Etwas" in der Brust handelt, sehr traurig ist. Teilweise ist es das auch. Vielmehr setzt sich aber hier der Wortwitz der Autorin durch. Mal erzählt sie aus der Gegenwart, mal aus der Vergangenheit. Aus der Sicht von Katharina.

Besonders deutlich wird hier der Verdrängungsmechanismus. Was keiner weiß, ist auch nicht.
Weder ihrem Mann Costas, noch ihren Kindern oder Freunden, erzählt Katharina von ihrem Etwas, welches sie vor zwei Wochen in ihrer Brust entdeckt hat. Vielmehr läuft in ihrem Kopf ihr vergangenes Leben Revue. Die Gegenwart schildert sie ebenso bildgewaltig. Stress ist der Hauptfaktor in ihrem jetzigen Leben. 

Ihre elfjährige Tochter leidet unter ADHS. Ehrlich gesagt war ich von den Schilderungen der Tochter Helli (Helena) schon gestresst. Das überaktive Mädchen ist wohl liebenswert, aber sehr anstrengend.
Der 17 jährige Alex scheint Katharinas Liebe zur Musik geerbt zu haben. Er möchte Musicalstar werden. Der besonnene Junge ist für seine Mutter wie ein Fels in der Brandung. Einst war es Katharinas Mann Costas. Da dieser aber nun in Berlin arbeitet, führen sie eine Wochenendehe, die mit allerlei Konflikten einhergeht. 
Beruflich ist Katharina nicht ausgefüllt. Sie hat Musikwissenschaft studiert und keine andere Möglichkeit, als in Kindergärten und Schulen zu unterrichten. Ein Kind mit ADHS fordert seinen Tribut. Trotzdem spürt man die grenzenlose Liebe, die Katharina ihrem Sorgenkind entgegenbringt. 
Auf ihre beiden Nachbarn Heinz und Theo kann Katharina jederzeit zählen. Katharina nimmt die Nachbarschaftshilfe auch sehr ernst. Sammelt einen abgetrennten Daumen ein und betreibt erste Hilfe.
Das klingt total schlimm, ist es aber nicht, wenn es mit so einem grenzenlosen Humor geschildert wird. Heinz ist ein Homöopath und stellt selber Globulis her. Glaubt mir, Ihr wollt nicht wissen was er da alles hineingibt. Seine Theorie, jeder Mensch hat ein Lied, finde ich jedoch höchst interessant. Seine Meinung, zur Behandlung von Hellis Krankheit, wirkt auf mich vernünftig.
Mit ihrem Studiumfreund verbringt sie einen feuchtfröhlichen Abend, der bei Katharina den Wunsch wachruft, endlich ihrem Mann von ihrem Etwas zu erzählen. 

Was mir bei Katharina sehr aufgefallen ist, dass sie stets der Meinung ist, nicht zu genügen. Ihr Essen schmeckt nicht. Ihrem Mann gegenüber ist sie zu zickig. Trotz einer to do Liste wird sie den Anforderungen des Alltags nicht gerecht. Das mag zum Teil schon stimmen. Aber das Warum sehe ich in ihrer Kindheit begründet. Sie musste schon als junges Mädchen funktionieren, nachdem ihre Mutter an einem Etwas gestorben ist. Für ihre jüngere Schwester hatte sie stets ein offenes Ohr. Den Haushalt schmiss sie nach ihren Fähigkeiten.

Mein Fazit

Eine emotionale Geschichte, die das "Etwas" nicht beim Namen nennt. Trotzdem spürt man die Ängste von Katharina. Wie ein Schwelbrand lauern sie stets im Hintergrund.
Die Protagonisten sind auf eine liebenswerte Art fast alle schrullig. Der Schreibstil ist flüssig und mit Humor. 
Das Wochenende vor der Wahrheit wird sehr anschaulich beschrieben. So habe ich noch nie einen Roman über "Etwas" gelesen. Daran sieht man, man muss den Dingen nicht immer einen Namen geben. Es reicht sie zu verstehen und akzeptieren.
Ich kannte mal eine Frau, die nannte ihr "Etwas" Benjamin. Klingt doch viel netter. Oder? Uns Leser bleibt am Schluss nur eins: >>Alles Gute Katharina!<<

Danke Mareike Krügel, für diese wunderbare Geschichte.


Mareike Krügel, 1977 in Kiel geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Seit 2003 hat sie drei Romane veröffentlicht. Sie lebt bei Schleswig. Mareike Krügel erhielt zahlreiche Stipendien, u.a. in der Villa Decius in Krakau, und ist Mitglied im PEN Deutschland. Im Jahr 2003 bekam sie den Förderpreis der Stadt Hamburg und wurde 2006 mit dem Friedrich-Hebbel-Preis ausgezeichnet.