Montag, Juni 30, 2014

Prolog zu " Versprich mir einen Kuss"! WUNDERSCHÖN! Von Anna Fricke

                                             Versprich mir einen Kuss





Hallo, du vertrauter Fremder,
ich schreibe dir, um mir zu sagen, dass es Zeit für einen Abschied ist.
Abschied von den Geistern der Vergangenheit, die nach so kurzer Zeit doch zu einem Teil
meines Lebens geworden sind. Geister, die mich verfolgen, mich gewähren lassen, nur
um, wenn ich mich in Sicherheit wähne, wieder mit voller Wucht zuzuschlagen.
Unsere Zeit war kurz und intensiv, zumindest für mich. Für dich war ich nur eine von
vielen, in deinen Augen gerade frisch geschlüpft... Noch grün hinter den Ohren.
Zuerst mochte ich die Geister. Ich spielte mit ihnen. Sie liefen fort von mir und ich fing sie
wieder ein. Sie ließen mich träumen und absurde Hoffnungen entstehen. Sie bauten mir
Gedankenschlösser, so prunkvoll, so himmlisch und so zerbrechlich, denn ein Blick in die
reale Welt ließ sie sofort in sich zusammen sinken.
Ich dachte, die Geister könnten meine Freunde werden. Ich dachte, sie würden mich
lieben, mich fordern, um mich kämpfen und mich zu fantastischen Höhenflügen
anstacheln. Doch sie spielten mit mir, ließen meine Träume zerplatzen, wenn die Gefühle
ihren höchsten Punkt erreicht hatten.
In mir baute sich ein nie gekanntes, nie erlebtes und nicht für möglich gehaltenes
Verlangen auf.
Eine Sehnsucht, die die Geister nicht befriedigen konnten.
Bis zu diesem einen Punkt, ganz oben am Scheitelpunkt der Achterbahn.
Schon lange habe ich keinen Kontakt mehr zu dir. Es besteht ja auch kein Grund dafür.
Trotzdem hast du mein Leben auf eine Weise berührt, die mehr war, als sympathische
Anziehung auf höchstem emotionalen Niveau. So viel mehr, als das menschliche
Verlangen nach einer heißen Nacht, in der zwei Körper zu einem werden. In der zwei
Seelen nur eines wollen, in der sich der gemeinsame Rhythmus aus der Lust erhebt und
die Musik der Liebe spielt.
Ohne es je beabsichtigt zu haben, hast du den Verlauf meines Lebens geändert. Ohne
überhaupt gewusst zu haben, ohne dass du es je wissen wirst, hast du mitbestimmt, zu
was ich werden kann.
Doch deine Abwesenheit in meinem Leben hat eine Leere hinterlassen, die ich nun mit
neuem Sinn füllen muss. Einen Sinn zu finden, das ist schwer. Wo findet man einen Sinn,
wenn kein Ziel vorhanden ist, außer einem verdammten Vorzeichenwechsel?
Die Leere zu ertragen ist grausam. Sie erinnert mich immer wieder an die intensiven
Gefühle, die zu empfinden ich in der Lage bin. Sie blickt tief in mich hinein und spottet:
„Glaubtest du wirklich, du hättest eine Chance gehabt?“
Nein, geglaubt hatte ich das nie, doch gegen Hoffnung kann man sich nicht erwehren. Sie
überfällt einen in den dunkelsten Stunden. Sie reißt an der eigenen Seele, die sich ihr nur
zu gerne hingibt. Die Hoffnung streichelt mich, sie verführt mich, überredet mich noch eine
Weile länger an diesem Hirngespinst festzuhalten. Vielleicht... ja vielleicht gibt es doch
Wunder.
Aber das Leben nimmt keine Rücksicht auf Hoffnung. Es nimmt keine Rücksicht auf die
Liebe oder auf Verlangen. Es ist erbarmungslos, schreitet weiter voran und zieht dich mit.
Es zieht mich mit. Wie heute früh, als ich dich sah. Im Gespräch mit einem anderen Mann.
Ihn kannte ich nicht, aber mein Herz erkannte dich.
Mein Ohr hatte den Klang deiner Stimme schon aufgesogen, als er kaum mehr als ein
Hintergrundgeräusch zwischen all dem fremden Gemurmel war. Wie ein Radar ließ er
mich zu dir herum schnellen.
Meine Augen hatten deine Gestalt schon ausgemacht, sie für einzigartig auffällig erklärt,
den Blick darauf geklebt wie ein Kaugummi unter deinen Lieblingsschuh, noch bevor ich
verstand, was vor sich ging. Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden, aber du branntest
dich in mich hinein.
Und mein Herz setzte zu einem Marathon an, ehe ich des Grundes tatsächlich gewahr
wurde. Es machte all die Schritte, die ich nicht in der Lage war zu gehen. Es wollte sich an
das deine schmiegen, wollte ausgiebig lieben und geliebt werden. Es nahm keine
Rücksicht auf die Seele.
Meine Seele, welche sich erinnerte. Welche nie auch nur eine Tat, sei sie gut oder böse,
vergaß. Sie, die sich nach jeden Atemzug, jede Berührung, jede Hoffnung und jede
Enttäuschung sehnte und die genau wusste, dass es nie real sein würde. Diese meine
Seele zuckte schmerzhaft zusammen.
Sie hatte schon aufgehört zu hoffen, schon Tage zuvor. Wir beide waren schon erleichtert,
dachten, das Tal sei durchschritten, konnten an dich denken, ohne innerlich zu vergehen.
Wir sahen schon das Licht am Ende des Tunnels.
Doch dann standest du einfach dort. Unerwartet.
Du wusstest nicht, was mein Auge sah, wärst nie darauf gekommen, welch Melodie deine
Stimme für mein Ohr war, welch Honig deine Worte für meinen Geist und wie tief die
wenigen Berührungen zwischen uns in meine Seele drangen.
Gut so.
Mit einem Mal fiel ich zurück in die Tiefe, aus der ich mich schon hinaus gewunden hatte.
Die Geister waren wider da, sie flüsterten deinen Namen, sprachen mit deiner Stimme,
lächelten mit deinen Lippen und bewegten sich wie du.
Sie foltern mich.
Wieder ist die Sehnsucht da und nichts kann sie stillen.
Nicht du.
Du bist seit unserer ersten Begegnung in weite Ferne gerückt.
Ich habe dich berührt, habe deine Haut gespürt, habe neben dir gesessen. Deine Worte
spielten mit meinen Gedanken. Meine Kehle konnte nur wahre Bedeutungen in deine
Gegenwart entlassen. Und nichts hat mich mehr erfreut, nichts habe ich mehr gebraucht
und niemals hat mich etwas mehr bewegt, als wenn du mich am Arm berührtest.
Doch mit jedem Tag warst du wieder ein Stück weiter von mir entfernt. Mit jedem Wort,
das mich dir näher brachte, tat sich eine größere Schlucht zwischen uns auf.
Wir leben in zwei Welten.
Du bist dort, wo ich gerne wäre. Wo ich meine Zukunft sehe und doch werde ich diesen
Berg niemals erklimmen. Dir ist nicht bewusst, dass du mein Berg bist. Und deswegen
muss ich es dir sagen, denn wie sonst werde ich diese Geister los, die meiner Hoffnung
immer wieder neues Leben einhauchen?
Ich weiß ganz genau, was du sagen wirst, wie dein Gesicht aussieht, wenn die wahren
Worte über deine Lippen kommen, von denen ich schon längst weiß, dass ich sie nicht
ertragen kann. Ich kenne sie, ich habe sie so oft gedacht, gesagt, vor mich her gebrabbelt
und verdrängt.
Ich will sie nicht von dir hören, weil ich weiß, was dann folgt, obwohl ich weiß, dass sie
meine einzige Rettung sind.
Wer bin ich, gegen meine Gefühle zu kämpfen. Was wäre ich für ein Wesen, wenn ich
das menschlichste verdrängen wollte?
Doch nur ein Mensch.
Und so schließt sich der Kreis. Ohne es tatsächlich ausgesprochen zu haben, weist du
jetzt, was ich empfinde. Wie ich empfinde, wie es glüht, es brennt und brodelt.
Es ist ein Paradoxon.
Ich will es nicht sagen. Ich will, dass du es weist und ich will nicht, dass sich etwas ändert.
Ich will dich nicht für mich, das wäre vermessen, hast du doch bereits ein Leben ohne
mich. Und ich habe eines ohne dich.
Doch der innere Drang zwingt mich zum Handeln. Er pocht von Innen gegen meine Brust.
Ich verbrenne, sollte ich dir nochmal begegnen und wir werden kein Wort wechseln.
Ich wünschte, ich wüsste, was du denkst. Ich wünschte, ich wüsste, was du fühlst.
Nein.
Ich weiß, was du fühlst, nämlich nichts, außer oberflächlichem Interesse für eine entfernte
Bekannte, die einmal für eine kurze Zeit Teil deines Lebens war. Die zufällig ähnliche
Probleme, Ansichten und Lebensentwürfe hat, wie du.
Ich würde dir leid tun, für die Dauer unseres Gesprächs. Vielleicht wäre das Mitleid
ehrlich, denn du bist ein aufrichtiger Mann. Aber dann wäre es vergessen. Ein
unangenehmes Ereignis in der Vergangenheit. Einen Fehler im Lebensplan, den man
korrigiert hat. Ein unerfreuliches Hindernis im Alltag.
Genau das könnte ich nicht ertragen. Deswegen darfst du es nicht wissen.
Mir ginge es schlecht mit dem Wissen, dass du zu mir hinunter siehst.
Also, was denkst du, sollte ich tun?
Einen verwirrenden Brief schreiben, indem ich dir meine innersten Gefühle offenlege? In
dem ich verletzbarer wäre, als je in meinem kurzen Leben zuvor? Könntest du es
würdigen? Ich bezweifle es.
Manchmal lache ich über meine Geister, dann sind sie still und dann habe ich Ruhe. Dann
kommt ein sanfter Lichtstrahl, etwas von der echten Hoffnung, es überstanden zu haben.
Der Wunsch in mir erwacht erneut zum Leben, das letzte halbe Jahr hinter mir gelassen
zu haben, so wie es die Zeit vorsieht. Mit allem abschließen, dich als einen wichtigen Teil
meines Lebens in mir verewigen und in zehn Jahren mal wieder hervorholen. Über meine
Naivität lächeln und heimlich spüren, dass ich es irgendwie doch genossen hatte.
Dich in fünfzehn Jahren wiedersehen. Bemerken, dass die Zeit auch an dir Spuren
hinterlässt. Sie machen dich aber nicht alt. Mich machen sie reif und das fällt dir auf.
Du freust dich kurz über mich, fragst wie es mir geht und ich kläre dich über meinen Erfolg
im Leben, in der Liebe, der Familie und dem Beruf auf. Du lächelst und empfindest sogar
etwas wie Freude für mich.
Und dann trennen sich unsere Wege wieder und ein paar der alten Gefühle kommen in
mir auf, erinnern mich daran wie es war, jung zu sein, denn nun wäre ich in deinem Alter.
Doch jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen Brief zu schreiben, all meine
kindlichen Hoffnungen, die ich schon hunderte Male scheitern sah, zu offenbaren.
Ich wünschte, ich könnte wieder weinen, aber niemals wieder will ich eine Träne wegen dir
vergießen, denn egal wie sehr sich meine Seele nach deiner sehnt, du bist diese ewigen
Tränen nicht wert.
Bitte versteh mich nicht falsch.
Wie kann man damit aufhören sich selbst zu sabotieren? Ich muss mir klar darüber
werden, dass ich mir selbst die Nächste sein darf.
Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich mir sagen muss, dass es Zeit für einen Neuanfang
ist.
Ein neues Kapitel im Buch meines Lebens muss aufgeschlagen werden. Viel zu viel Zeit
habe ich schon in jenem Abschnitt der unerwiderten Gefühle verbracht.
Mir bleibt nur zu hoffen, dass auch ich Spuren in deinem Leben hinterlassen habe.
Spuren, die dich zu einem ehrlichen Lächeln animieren, wenn wir uns in fünfzehn Jahren

wieder begegnen.